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Horst Christill

Trauerfeier für Angi Dietze

1. Vorspiel – Von guten Mächten wunderbar geborgen

2. Im Namen des Vaters und des Sohnes
und des Heiligen Geistes. Amen.

Lieber Hajo und Ruben, liebe Rahel,
liebe Eltern und Geschwister von Angi, mit euren Familien,
liebe Freundinnen, und Freunde von Angi,
wir wissen, wie schwer das ist, was wir jetzt vor uns haben.
Da sehen wir uns in dieser Zusammensetzung
zum ersten Mal seit Jahren und Jahrzehnten wieder
und müssen diesen schweren Weg miteinander gehen.
Es bleibt uns keine Wahl.
Angi ist tot.

Ihr weites, ihr gutes Herz,
in das sie uns alle in jeweils eigener Weise geschlossen hatte, schlägt nicht mehr.

Ihre Stimme, die wir alle im Ohr haben,
die ich nicht nur persönlich in mir trage
sondern auch durch die vielen Konzerte
und CD-Aufnahmen mit ihr,
Angis Stimme schweigt nun.
Dieser wunderbare Mensch,
der immer zu uns gehört hat,
ist nicht mehr.

Am frühen Sonntagmorgen,
dem 26. April,
hat der Tod Angi
im Alter von nur 61 Jahren
von jener bösartigen Krankheit erlöst,
die keine Chemotherapie, keine Bestrahlung,
keine Operation an ihrer todbringenden Verbreitung hindern konnte.

Nach sieben Jahren zwischen Bangen und Hoffen, verbunden mit großen Entbehrungen und über alle Kräfte gehendem Leiden,
ist sie in der vorletzten Nacht friedlich eingeschlafen, wie du, liebe Rahel erzählt hast.

Sie musste nicht mehr vor Schmerzen schreien.
Umgeben von ihrer Familie und herausgeholt aus dem so traurigen Quarantäne-Abstand unserer Krankenhäuser derzeit,
blieben Angi Nähe und Würde erhalten,
um sich jetzt in die Arme Gottes fallen zu lassen.

„Unser Vater im Himmel hat unsere liebe Angi zu sich in den Himmel gerufen“, hast Du, Hajo,
mir am frühen Sonntagmorgen geschrieben.

Das alles ist tröstlich,
wie es auch tröstlich ist,
dass wir, jede und jeder, Zeit und Gelegenheit
für das persönliche Abschiednehmen hatten.
Und zugleich ist und bleibt es ein sehr schwerer Weg, Angi jetzt hergeben und loszulassen zu müssen.

In dieser Situation rücken wir zusammen, so nahe, wie das mit Blick auf nötige Distanzgebote möglich ist. Und wir fragen gemeinsam nach Hilfe und Trost.

Wir werden der Trauer Raum geben.
Sie hat ihr Recht und braucht ihre Zeit.
Zugleich aber wissen wir,
die von Ostern herkommen,
dass die Trauer nicht das letzte Wort behält.

Hilfe ist uns zugesagt.
Von dieser Hilfe, auf die wir uns verlassen können, lesen wir im 124. Psalm:

„Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat“.

Dieser Herr, unser Gott, von dem Jesus erzählt,
dass er sich noch um die Vögel am Himmel
und das Gras auf den Feldern sorgt,
unser Gott lässt keines seiner Kinder fallen.

Er hat Angi bei ihrem Namen gerufen – sie ist nun sein.

Weil es so viele gute Gründe gibt,Gott für Zeit zu danken,
die wir miteinander und mit Angi haben durften,
lade ich Euch ein, miteinander ein altes Loblied zu singen,
das in die Bitte um Gottes Erbarmen mündet.
Großer Gott, wir loben dich.

3. Lied: Großer Gott, wir loben dich

4 . Lasst uns mit Worten aus Psalm 139 miteinander beten: Psalm 139

5. Lied: Von allen Seiten umgibst du mich

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Familie, liebe Freundinnen und Freude von Angi,
was anderes als eine Liebeserklärung nach der anderen könnte diese Ansprache sein, um die mich Angi auf ihrem Sterbebett durch Hajo gebeten hat? Ihr wisst alle, dass es Jahre größtmöglicher Nähe zwischen uns gab. Und Ihr wisst, dass wir uns trotz Trennung und den daraus folgenden jeweils eigenen Wegen nie verloren haben.

So etwas war, so etwas ist nur möglich durch bleibende Wertschätzung füreinander, durch die wunderbare Erfahrung, dass die Gläser für uns beide selbst in schweren Zeiten nie leerer als halb- voll geblieben sind. Fast fünf Jahrzehnte verbinden mich so mit Angi. Darum stehe ich jetzt hier.

Die Liebeserklärungen anderer klingen anders. Melanie schreibt auf Facebook „Sie hat mit uns Kindern in der evangelischen Gemeinde unglaublich schöne und inspirierende Gruppenstunden gestaltet. Bei ihr habe ich Blockflötenspielen gelernt. Ich sehe sie noch heute, gitarrespielend, mit uns Kindern musizieren. Danke dafür“. Und Alexandra ergänzt: „Besser kann ich es nicht ausdrücken. Angi hat unsere Kindheit und Jugend geprägt. Die Erinnerungen sind präsent und ich erzähle auch meinen Kindern von dieser wundervollen Zeit“.

Wir alle tragen wunderbare Erfahrungen mit Angi in uns. Erfahrungen, die uns dankbar machen. Ich konnte Euch nicht alle fragen - einige gestern aber schon. Ruben und Rahel, Hajo und Dani.

Dir, Ruben, fiel sofort eine kleine Geschichte mit großer Symbolkraft ein. Sie trug sich an einem Tag zu, an dem Du als 10 oder 12Jähriger in eine Auseinandersetzung mit Deiner Mutter geraten bist. Du hast Dich ungerecht behandelt gefühlt. Viel wichtiger aber ist Dir bis heute, dass Deine Mutter am Abend zu Dir ans Bett kam, sich entschuldigte, und Dir auf diese Weise eine unvergessliche Lebensweisheit tief einprägte: Geh niemals im Streit zu Bett, such vorher die Versöhnung.

Deine symbolische Geschichte, Rahel, handelte davon, wie Deine Mutter damals zusammen mit Dir in die Rheuma-Klinik gezogen ist. Dich nicht allein zu lassen in einer fremden und beängstigenden Situation und Umgebung, das war ihr wichtiger als alles andere.

So war, so ist Angi für Euch: Eine hingebungsvolle Mutter, die Euch alle Geborgenheit gab, die Kinder brauchen. Behaltet das gut in Erinnerung.
Deine Liebeserklärung, so erzählst Du, Hajo, begann bereits mit 15 oder 16 Jahren. Schon damals hast Du in Angi die Frau gesehen, mit der Du Kinder bekommen und alt werden wolltest. Durch alle Irrungen und Wirrungen, die das Leben mit sich bringt, hat sich im- merhin der erste Teil erfüllt, auch wenn Deine Wunschzahl an gemeinsamen Kindern nicht zu erreichen war.
Und Danis Liebeserklärung für seine große Schwester geht so: „Sie hat mir gleich zwei Mal das Leben gerettet. In Tübingen und in Karlsruhe hat sie mich aus dem Wasser herausgezogen, in das ich gefallen war“.
II.
„Meine Zeit steht in deinen Händen“, sagt der Dichter des 31. Psalmes. Diesen Satz hattet Ihr Euch als Trauspruch ausgewählt. Angis Geburtstag am 7. Mai 1991 war der Tag Eurer standesamtlichen Trauung. In wenigen Tagen hättet Ihr also nicht nur ihren 62. Geburtstag, sondern auch Euren 29. Hochzeitstag miteinander feiern können. Aber, daran erinnert der Psalmist glasklar, über unsere Lebenszeit entscheiden wir nicht selbst. Die Pandemie mit inzwischen mehr als 210.000 Toten auf dieser Welt, stellt uns dramatisch die Wahrheit dieses Satzes vor Augen.

Wenn wir aber schon keine Wahl im Blick auf die Quantität unseres Lebens haben, können wir doch Einiges zu dessen Qualität beitragen.
Soweit ich mich erinnere und das miterleben konnte, wusste Angi, wie man das macht. Vor allem durch die Musik

Es kann schon sein, dass sie ihre wunderbare Begabung nicht voll entwickelt hat. Denn in den Geigenunterricht ging sie vor allem deshalb gerne, weil sie sich mit ihrer Lehrerin so gut unterhalten konnte. Aber mit ihrer Stimme übernahm sie Verantwortung, und wie. Andy, die nachher auch noch für uns singen wird, hat mich an die gemeinsame USA-Reise 1975 mit der Kantorei unter der Leitung von Max Köhler erinnert

Eine Reise an der Ostküste entlang, von Florida bis nach Washington, voller bizarrer Erlebnisse. Unvergesslich, wie unser Dirigent in der prallvoll gefüllten Kirche die Bachmotette „Lobet den Herrn alle Heiden“ eine Terz zu hoch anstimmte und die Blamage nach wenigen Takten perfekt war. Dennoch wollte hinterher niemand diese Reise vermisst haben. Denn es gab viel zu erzählen, angefangen von durch Bestechung vertickerte Anschlussflüge und jener unfreiwilligen, aber wunderbaren Nacht auf den Bahamas oder auch vom Desaster, dass die Hälfte unseres Chores durch Heiserkeit nur Schweigen konnte, bedingt durch die Hitze auf den Straßen und die Kälte der Klimaanlagen in den Häusern.

Der „Singkreis“ war eine weitere Initiative. Klassische Literatur im Oktett, mit Angi, Doro, Kalle und mir. Und 1975, nach dem Kirchentag in Frankfurt, die Gründung der Band HABAKUK. Jens aus Tuttlingen schreibt auf Facebook: „Wir haben sie live vor Augen und im Ohr, auch mit Z’erschd die Leit nauslasse“. Das Lied, auf das er sich bezieht, war der einzige schwäbische Beitrag, der es je auf eine der 14 Habakuk-Produktionen mit Angi schaffte, im Text ein Gemeinschaftswerk von Angi und Katrin nach Erlebnissen beim
Kirchentag in Stuttgart. Damals gab es noch überbordend volle
Strßenbahnen, wie man sie sich zur Zeit nicht mehr vorstellen kann.

Durch die regelmäßige Zusammenarbeit mit Luise Schottroff und Dorothee Sölle, den beiden großen theologischen Lehrerinnen des 20. Jahrhunderts, stand Angi zusammen mit Christine, Andreas, Christoph, mir und anderen in den achtziger und neunziger Jahren immer wieder in Hallen vor vielen tausend singbegeisterten Kirchentagsbesuchern. Christine schreibt auf Facebook:

„Es war mir eine Ehre, mit Dir 20 Jahre lang singen zu dürfen. Wir haben so viel zusammen erlebt und ich danke dir für deine Freundschaft durch die Jahrzehnte“. Und Meli ergänzt: „Angi bleibt/ist mit HABAKUK für immer unsterblich“.

Von 1977 bis 2005 hat sie bei 15 Kirchentagen und etlichen Katholikentagen mitgewirkt. Ich weiß, dass das nicht immer nur schön für sie war. Die große Dichte von Veranstaltungen, der Stress zwischen Aufbau, Gestaltung und Abbau, hat nicht nur ihr zugesetzt. Aber die Menschen haben ihr dieses Engage- ment in großen Scharen gedankt. Heinz schreibt auf Facebook: „Heute Abend und bis in die lange Nacht habe ich alte und junge Lieder von Habakuk gehört, im Gedenken an Angi“.

Ich selbst habe an Angi besonders bewundert, dass sie sich mit ihrer großen Stimme auch sehr schweren Momenten stellte. Als am Pfingstsonntag 1983 ein Starfighter der kanadischen Luftwaffe auf die Mörfelder Landstraße abstürzte, trafen Teile des Flugzeugs ein stadtauswärts fahrendes Auto, das sofort in Flammen aufging. In dem Wagen saßen sieben Menschen. Am Steuer, auf dem Weg zu einem Pfingstausflug, war der ehemalige Frankfurter Stadtjugendpfarrer Martin Jürges. Er und seine Familie verbrannten auf der
Stelle. Mit Martin hatten Angi und ich Ski- und Sommerfreizeiten geleitet. Er hatte uns geholfen, die erste Anlage für die Band zu kaufen und uns den Probenkeller zur Verfügung gestellt. Als Propst Trautwein uns dann bat, die Musik zur Trauerfeier für Familie Jürges zu übernehmen, war es Angis Stimme, die zu einem Trostanker für viele tausend Gottesdienstbesucher wurde: „Halte deine Träume fest, lerne sie zu leben. Gegen zu viel Sicherheit, gegen Ausweglosigkeit – halte deine Träume fest“

Es gab Zeiten, in denen die Band Habakuk mehr oder weniger zum Familienunternehmen wurde. Neben Angi waren Kalle, Katrin und kurzzeitig selbst Dani dazugestoßen. Später kam auch Hajo dazu. 1984 haben wir in Telgte mit Peter Janssens, der Koryphäe für geistliche Pop-Musik in den 70er und 80er Jahren ein Musical ur- aufgeführt. 1985 legte mir Angi ans Herz einen deutschen Text zum spanischen Lied „La Paz del Senor“ zu schreiben. Sie hatte es in einem Konzert gehört. Daraus entstand mit „Bewahre uns, Gott“ jenes Lied, das längst Einzug in die Gesangbücher aller Kirchen im deutschsprachigen Raum gehalten hat. 1987 reiste die Band Habakuk mit Rudolf Dohrmann, dem Pfarrer, der Euch 1991 getraut hat, zur Einweihung des neuen Krankenhauses von Nagpur nach Indien. Unvergesslich beim Konzert auf einem Acker ein Publikum aus 4.000 Frauen und Kindern, von denen niemand auch nur ein Wort deutsch verstand, aber begeistert mitging, wenn es Lieder mit Bewegung gab. Deshalb auch geriet zum Höhepunkt der Angriff eines vom Scheinwerferlicht angezogenen Insektenschwarms mitten im Konzert, der die ganze Band erst richtig in Bewegung versetzte.
30 Jahre lang war Angi mit Habakuk unterwegs, bis sie im September 2005, gemeinsam mit Christine, ihren Ausstieg einreichte. Legendär dabei die zweistimmigen Abschiedslieder im Dirndl, die man durchaus missverstehen konnte als Fingerzeig auf den sich alters- gemäß veränderten Musikgeschmack der Beiden. Steffy schreibt per WhatsApp: „In meiner Erinnerung lebt Angi weiter, mit ihrer genialen Stimme und ihrem leicht schrägen Humor“.
III.
„Meine Zeit steht in deinen Händen“, sagt Psalm 31. Die damit verbundene Wahrheit lautet: Wir haben es nicht in der Hand, wie lange wir leben. Aber eine kluge Schlussfolgerung aus dieser Wahrheit ist, dass es durchaus an uns liegt, was wir aus unserem Leben machen. Vielleicht auch darum hat Angi so viel Lebenskraft in die Arbeit mit Kindern gesteckt.

Sie hat Euch geprägt, Ruben und Rahel, natürlich auch durch die Musik

Bei Dir, Ruben, ist die Musik sogar zum Beruf geworden. Kein Wunder. Als Angi mit Dir schwanger war, haben wir im Studio das Lied „In mir ist dunkel“ eingespielt. Für Deine Eltern wurde das angesichts des wachsenden Bauches zum Sing- und Wortspiel: „In mir ist dunkel“. Darum kannst du auch noch im Nachhinein froh sein, dass Du einen anderen Vornamen als „Dunkelchen“ bekommen hast.

Und weiter erzählte Angi bei Gelegenheit, wie textsicher und lautstark Du bereits im Kinderwagen Lieder Deiner Mutter zitieren konntest.
Eines Tages, bei einem Einkauf, hat Dich besonders der Refrain „Hilf mir“ beschäftigt. Als Du damit vor der Kasse loslegtest, musste Angi mit Dir flüchten, weil sich so viele Blicke auf ein offenbar gequältes Kind und seine Rabenmutter richteten. Heute sagst Du, dass Du es in besonderer Weise Deiner Mutter, im Zusammenspiel mit Deinem Patenonkel Christoph und natürlich auch Deinem Vater verdankst, musikalisch so geprägt worden zu sein, dass Du bereits als 8Jähriger die Ruben-Dietze-Band ins Leben gerufen hast. Durch all die Jahre haben Dich Deine Eltern voller Stolz auf Deinem musikalischen Weg gefördert. Auf meinem Handy habe ich als kleinen Beweis noch ihren dringenden Aufruf vom 6. Mai 2018, Deine Band Passepartout zum „open flair“ zu voten. Was Eltern alles tun, um ihren Nachwuchs zu fördern....

Aber Angi hatte nicht nur ein Händchen für Euch, ihre eigenen Kinder. Bis zum Sommer 2019 hat sie im hiesigen Kindergarten gearbeitet und war auch als Pfarrfrau präsent. Dieses Engagement durch viele Jahre hat dazu geführt, dass sie in der gesamten Region bekannt und sehr beliebt war und ist.
Noch als der Tumor ihr zunehmend Probleme bereitete, hat sie sich fortgebildet. Auf ihre ursprüngliche Ausbildung durch ein Theologie-, Pädagogik- und
Ethnologiestudium setzte sie später Fortbildungen in musikalischer Früherziehung und schloss noch im vergangenen Jahr ein Fernstudium in Psychologie mit Bestnote ab. „Eine super Frau war Angi“, schreibt Gertrud auf Facebook. Und gerade im Blick auf ihr Händchen für Kinder, sagst Du Rahel, wie traurig es ist, dass Deine Mutter nun keine Oma mehr werden kann. Sie hätte sicher auch ihren möglichen Enkelkindern gut getan.

Es war schön, im Gespräch gestern zu hören, wie Ihr als Geschwister schon lange Wert darauf legt, einander verbunden zu bleiben.

Der „Hauskreis Unrath“, eine Initiative um Hans-Jörg, mit Satzung, schriftlicher Einladung und Protokoll, steht für die zielsicher gesuchte und gewünschte Stabilität des Miteinanders, die Ihr Euch unbedingt erhalten solltet. Ich habe gut in Erinnerung, dass mit Euch an einem Tisch immer jede Menge los war. Natürlich immer wieder auch mit Sprüchen, auf die Euer Vater mit Sätzen reagierte wie: „Wasch dir den Mund mit Seife aus“. In Zukunft müsst Ihr nun einen Platz leer stehen lassen oder immer eine Kerze anzünden, damit Angi weiter unter Euch bleiben kann und Ihr im Miteinander weiter Lebensfreude entfaltet.

Dass Ihr, liebe Rose und lieber Karl, mit Angi nun eines Eurer Kinder zu Grabe tragen müsst, gehört zu dem Schwersten, was Eltern widerfahren kann. Ich hoffe und bete und wünsche Euch, dass die Kraft Eures starken Glaubens Euch auch weiterhin trägt und Ihr glauben und darauf vertrauen könnt, dass Angi bei Gott aufgehoben ist, mit getrockneten Tränen und erlöst von allen Schmerzen.
.
Der Zusammenhang Eures Trauspruches aus Psalm 31 lautet: „Ich aber hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott. Meine Zeit steht in deinen Händen. Errette mich vor der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen.“

Zu ihrem Feind, der
sie zu verfolgen begann, war ein Tumor geworden. Ein paar Monate nach den ersten Behandlungen war ich dann erleichtert zu hören, dass es durchaus Aussichten auf eine Rückbildung des Tumors gab. Ihre Kraft kam zurück. Am 14. Februar 2015 haben wir noch einmal gemeinsam Musik gemacht. Zusammen mit sehr vielen anderen Menschen haben wir in Kassel die Trauerfeier für Luise Schottroff gestaltet und sie zu Grabe getragen. Auf der Autofahrt hat Angi Maren und mir viel von ihrer Sorge und ihrer Hoffnung anvertraut.

Zu ihrer Kraft kam auch das Lachen zurück. Im Juli 2016 veranstalteten wir im Frankfurter Stadion ein Konzert, zu dem wir das größte Orchester der Welt zusammenriefen. Auf dem Programm zum Mitspielen standen die „Ode an die Freude“, Ausschnitte aus Dvoraks „Sinfonie aus der Neuen Welt“ und Titel wie „Music was my first love“ oder „We will rock you“. Ich hatte mich entschlossen, meine Posaune zu aktivieren, um einer von mehr als 9.000 Musikern zu sein und fragte auch Angi, ob sie, nach all den Unterrichtsjahren, nicht mit ihrer Geige mitspielen wolle. Ihre Antwort per Whatsapp: „Ich bin diesbezüglich überqualifiziert und will die anderen Teilnehmenden nicht demütigen“.

Ihr habt die zwischen der ersten und zweiten Behandlungsphase verbleibende Zeit für schöne Reisen genutzt. Zur Qualität statt Quantität gehörte bei Euch, Angi und Hajo, besonders das Liegen am Strand, das Lesen von Büchern. Kein Aktionismus, einfach Ent spannung. Ich habe von Angi schöne Bilder von einer Reise zum Bodensee bekommen und vor etwas mehr als einem Jahr auch Bilder aus Rom.

Weil Ruben dort im Auslandssemester war, habt ihr ihn und Miriam besucht - und dabei auch eine Generalaudienz von Papa Francesco miterlebt. Angi schrieb: „Ich fand es wirklich bewegend, was ich mir vorher echt nicht vorstellen konnte“. Und Ihr habt gestern bestätigt, wie ansteckend es sein kann, wenn 10.000 begeisterte Menschen zusammenstehen. Nachdem wir in diesem Jahr die Bilder der Osterzeit vom verwaisten Petersplatz in Rom gesehen haben, wissen wir, dass nicht nur Begeisterung anst ckend sein kann.
Auch von der Frauenfahrt nach Schweden habe ich erzählt bekommen – Angi, mit Rose, Doro und Katrin. Wie gut, dass all das noch möglich war und in Eurer Erinnerung bleiben wird.
Bereits im Juni 2019 aber schrieb mir Angi: „Meine beiden Tumore fingen leider wieder zu wachsen an, was erhebliche Problem mit sich bringt“ und ergänzte später: „Bis Ende August weiß ich dann auch, ob die neuerliche Bestrahlung etwas genutzt hat. Wenn es keine Verbesserung gibt, muss ich in Frührente gehen. 600 Euro sind ne Wucht!“


Heute wissen wir, dass dieser Feind in ihr, dass sich die tödliche Kraft des Tumors unaufhaltsam breitzumachen begann. Im vergan- genen Juli hattet Ihr noch die Gelegenheit für einen Urlaub an der Ostsee. Danach begann das Leben für Angi endgültig zur Tortur zu werden.


Sie wäre sich selbst nicht treu geblieben, ohne ihren „schrägen Humor“, wie ihn Steffy nennt. Nach einer der vielen Operationen sagte sie Euch bei einem Besuch: „Jetzt bin ich sicher, ich habe ein Gehirn. Die Ärzte haben nachgeguckt“. Eine Operation im November führte zur Lähmung ihrer rechten Seite. Die Zahl der Eingriffe häufte sich, die Aussicht auf Rettung oder gar Heilung wurde immer geringer.


Angi hat das bei vollem Bewusstsein erlebt. Sie war glücklich, dass Ihr als Familie in ihrer Nähe bleiben konntet. Kürzer werdende Nachrichten, die mich erreichten, hat sie diktiert. Dazu gehörten auch noch Glückwünsche zu meinem Geburtstag vor genau zwei Monaten. Sie habe mich nicht vergessen, schrieb sie, bat aber um Verständnis, dass bei ihr „im Moment leider andere Dinge im Vordergrund“ stünden.

Ihre letzte Nachricht an mich stammt vom 17. März „Die Haut ist leider wieder nicht angewachsen und daher bin ich noch immer im Krankenhaus. Ich wurde noch einmal operiert. Wenn die OP verheilt ist, komme ich erstmal in Reha, um mich physisch und psychisch aufzupeppeln. Aber dann ist noch einmal die große OP zu wiederholen geplant - und ich hoffe und bete, dass dies dann das letzte Kapitel meiner Operationen ist“.

Das letzte Kapitel dieses Leidensweges ist nun geschrieben. Und es endete so ganz anders, als die Stimme der Hoffnung es sagte, die bis zum Schluss in Angis Worten lag.

Eure letzte Liebeserklärung an sie bestand darin, dass Ihr Angi gerade noch rechtzeitig aus dem Krankenhaus nach Hause geholt habt, ehe die allgemeine Kontaktsperre in Corona-Zeiten jeglichen Besuch verhindert hätte. Gott sei Dank.

Angi war in ihren letzten Lebenswochen bei Euch, bei ihrer Familie, und Ihr seid bei ihr gewesen, Tag und Nacht. Immer deutlicher zeichnete es sich ab, dass der lange Weg des Abschiednehmens an sein Ziel gelangen würde.

Ihr habt es uns allen ermöglicht, Angi noch einmal zu besuchen, ihr danken zu können, für die vielen gemeinsamen Wege und für viele wunderbare Augenblicke miteinander, auch, sie um Vergebung bitten zu können für Versäumtes. Dafür bin ich von Herzen dankbar.

Nun steht Angis Zeit in Gottes Händen, unserer Zuflucht für und für. „Ich werde sie sehr vermissen“, schreibt Martina auf YouTube. Ich glaube, dieser Satz gilt für uns alle. Amen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

6. Lied: Noch ehe die Sonne am Himmel stand

7. Gebet:
Lasst uns beten.
Guter Gott, zu Ende ist unser gemeinsamer Weg mit Angi,
zu Ende ist die Last der letzten Jahre und die Freude an ihrem Leben.
Wir stehen traurig da - und erleichtert.
Lass uns die Fülle dessen bewahren, was schön war,
was unvergesslich und tröstlich ist und bleibt.
In allem, was uns geschieht, Gott, steh du uns bei.
Wir wollen dafür dankbar sein. Amen.


8. Lied: Hörst du, wenn ich bete


9. Im Vertrauen darauf, dass du uns hörst, beten wir mit den Worten
Jesu: Vater unser.Segen


10. Lied: Bewahre uns, Gott

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Presente – Gegenwärtig für immer

Am zweiten Sonntag nach Ostern 2020 starb Angi Dietze, kurz vor ihrem 62. Geburtstag. Ihre siebenjährige Leidensgeschichte, ausgelöst durch einen inoperablen Hirntumor, kam schmerzlich zu einem Ende.

Angi gehörte 1975 zu den Gründungsmitgliedern der Band HABAKUK. Bis 2005 prägte sie mit ihrer unvergleichlich ausdrucksstarken Rock-Stimme den Sound unserer Formation für drei Jahrzehnte. In ihrer aktiven Zeit war sie inspirierend, umsichtig und absolut verlässlich. Und mit ihrem trockenen Humor sorgte sie für eine Fülle von unvergesslich heiteren Momenten. Auch nach ihrem Ausscheiden auf eigenen Wunsch hin, blieb sie uns als Freundin, Beraterin und Kritikerin herzlich verbunden.

Ihre Stimme bleibt uns erhalten. Auf 14 Studioproduktionen (LPs und CDs) ist sie zu hören.

Auch in unseren Erinnerungen bleibt sie lebendig. Wir sind seit Berlin 1977 gemeinsam bei 15 Deutschen Evangelischen Kirchentagen und zahlreichen Katholikentagen aufgetreten.

Legendär in dieser Zeit war die musikalische Begleitung der Bibelarbeiten von Prof. Dr. Luise Schottroff (+2015) und Prof. Dr. Dorothee Sölle (+2003), die viele tausend Menschen miterlebten. Abenteuerliche Reisen haben wir unternommen. Dazu gehörten, noch vor dem Fall der Mauer, Auftritte beim regionalen Kirchentag in Erfurt und Konzerte in Halle, Merseburg und Leipzig. Gemeinsam mit dem Komponisten Peter Janssens (+1998) haben wir bei den MUT-Tagen in Telgte 1984 das Singspiel „Die Fotografin“ uraufgeführt. Und ganz besonders ist uns die Konzertreise nach Indien 1987 in Erinnerung geblieben, die im Rahmen der Einweihung eines Krankenhauses in der zentralindischen Stadt Nagpur stattfand.

Angi kam am 7. Mai 1958 als zweitältestes Kind des Methodistenpfarrers Karl Unrath und seiner Frau Rose zur Welt. Sie wuchs im Kreis von fünf Geschwistern auf. Musik lag in ihrer Großfamilie sprichwörtlich „in der Luft“. Es lag insofern auch nahe, dass zwischenzeitlich drei von Angis Geschwistern ebenfalls bei Habakuk mitwirkten.

Mit ihrem Tod am 26.4.2020 hinterlässt Angi ihren Ehemann Hajo und ihre zwei erwachsenen Kinder. Auch ihre Eltern und ihre Geschwister müssen mit ihrem, nach menschlichem Ermessen, viel zu frühen Tod leben. Der zweite Sonntag nach Ostern trägt in unserer Kirche den Namen „Miserikordias Domini“. Uns alle trägt der Glaube, dass Angi in das Erbarmen Gottes aufgenommen wurde.

Es war Angis Wunsch, dass ich sie beerdige. Es gibt kaum einen schwereren Freundschaftsdienst. Eingeschränkt durch die Auflagen der Pandemie fand die Trauerfeier am 28. April im Kreis ihrer Familie und einiger Freunde statt. Selbstverständlich hatte Habakuk in kleiner Besetzung die musikalische Begleitung der Feier übernommen Die Beisetzung folgte am 6. Mai, dem Tag vor ihrem Geburts- und Hochzeitstag.

An ihrem Grab haben wir jenen Ruf aufgenommen und weitergesagt, von dem uns Dorothee Sölle seinerzeit erzählte, dass er bei jedem Begräbnis in Lateinamerika erklingt: „Presente! Gegenwärtig, mitten unter uns“. Und so ist es. Angi ist und bleibt unter uns: „presente – gegenwärtig für immer“.

Eugen Eckert








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