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Wenn der Himmel über allen aufgeht...

Über die Wirkung neuer geistlicher Lieder. Fragen an Textdichter Eugen Eckert und an den Komponisten Peter Reulein

Von Eva Baumann-Lerch
Publik Forum: Das evangelische Gesangbuch hat rund 700 Kirchenlieder, das katholische "Gotteslob" noch ein paar mehr. Brauchen wir da wirklich noch neue Lieder?
Eugen Eckert: Ich meine, dass jede Generation den Glauben neu buchstabieren muss. Unsere Vorfahren waren oft schon mit 40 ganz alte Leute, die die Welt als Jammertal erlitten und besangen. Ihre Lieder passen nicht zu den Menschen von heute, die das Leben ganz anders wahrnehmen.
Peter Reulein: Einige alte Kirchenlieder bestimmter Epochen sind moralistisch und porträtieren die Gläubigen als Untertanen. Oft sind sie auch von einem überalterten Sündenbewußtsein geprägt oder von einer Marienfrömmigkeit, die kein Mensch mehr nachvollziehen kann.
Eugen Eckert: In manchen Liedern gibt es keine Frauen, nur Männer, keine Schwestern, nur Brüder. Gott thront dort oben, der Mensch steht ganz unten. Unsere neuen geistlichen Lieder betonen dagegen den mitfühlenden Gott, der selber Mensch geworden ist.
Publik Forum: Müssen also die Gesangsbücher entrümpelt werden?
Eugen Eckert: Wir sollten auch mit den frommen Liedern der Alten, die sie in ihrer Weise gepflegt haben, nicht lieblos umgehen. Aber sicher könnte man die Gesangsbücher nach ein paar guten Kriterien neu zusammenstellen.
Publik Forum: Was ist das eigentlich: "Neues Geistliches Lied"? Was macht es aus?
Peter Reulein: Der Begriff "Neues Geistliches Lied" (NGL) wird vor allem im katholischen Bereich gebraucht. In der evangelischen Kirche spricht man von "Popularmusik" Das ist eine Musik aus dem Leben, eine Musik für Menschen, deren musikalische Erfahrung von den Massenmedien geprägt ist. Sie beginnt bei traditionellen Gospels und Spirituals, geht über Blues, Jazz und Soul über Rock und Pop bis hin zum Rap. Entsprechend dieser Stile wird der Gesang nicht in erster Linie mit der Orgel, sondern vor allem mit Keyboards und Band gestützt. Da wird geschnippt und geklatscht, da wippen die Knie, da kann man sich anfassen und mitfeiern.
Eugen Eckert und Peter Reulein
Publik Forum: Also bald auch Techno?
Peter Reulein: Es gibt durchaus auch christliche Techno-Gottesdienste. Ich persönlich halte Techno aber eher für eine rasende, atemberaubende Musik, die einem exzessiven Freizeitrausch untergeordnet ist, und kann sie nur schwer mit dem spirituellen Weg zusammenbringen.
Publik Forum: Wann hat das denn angefangen mit den neuen Liedern?
Eugen Eckert: Da gibt es ein sehr genaues Datum: 1962 schrieb die evangelische Akademie Tutzing einen Wettbewerb für neue religiöse Lieder aus. Siegertitel war das von vielen bis heute geliebte, so oft gesungene "Danke für diesen guten Morgen" von Martin Gotthard Schneider. Das war eine echte Initialzündung, und das Lied kletterte sogar in der populären Radio-Hitparade auf Platz 1. Dann kam die Kirchentagsbewegung und mit ihr das Bedürfnis nach mehr, nach anderen Liedern.
Peter Reulein: So um 1970 trat Peter Janssens auf den Plan, der katholische "Sakro-Pop-Musiker" aus dem Münsterland. Er hat die Entwicklung dieser Musik entscheidend geprägt, über 50 Schallplatten produziert. Sein "Vater unser" oder "Der Himmel geht über allen auf" sind ja aus den Gemeinden nicht mehr wegzudenken.
Publik Forum: Gab es Widerstände?
Eugen Eckert: Und ob. Vor allem auf der Funktionärsebene wurden diese Stücke anfangs als "saurer Kitsch" verspottet. Es gab heftige Auseinandersetzungen in kirchenmusikalischen Fachzeitschriften, manchmal deutlich unter der Gürtellinie. Da wurde der poetischen Ballade "Zwischen Jericho und Jerusalem" von Martin Gotthard Schneider gar ein "HJ-Rhythmus" unterstellt.
Peter Reulein: Und die Bischofskonferenz verbot 1973 die Aufführung des Musicals "Ave Eva" von Peter Janssens und Wilhelm Willms in katholischen Räumen, weil darin ein ganz unkonventioneller Zugang zu Maria ausgedrückt wurde.
Eugen Eckert: Kardinal Ratzinger warnte die Gläubigen: Religiöse Popmusik schaffe die Illusion der Selbsterlösung und versetze die Menschen in Rausch und Ekstase...
Publik Forum: Und? Rettet das die Kirche?
Eugen Eckert: Ich kann ihnen sagen, was die Kirche wirklich rettet: Das ist ein glaubwürdiges Leben nach dem Evangelium, das das Leben der Menschen in all seinen Vorzügen teilt. Lieder, die wir schreiben, wollen Glauben formulieren, Mut zum Engagement machen - auch Lust auf Kirche. Wir schreiben sie aber auch, weil es uns Spaß macht, kreativ zu arbeiten, nicht aus missionarischen Gründen.
Publik Forum: Als evangelischer Pfarrer und katholischer Kirchenmusiker arbeiten sie mit Musikern und Theologen aus beiden Kirchen eng zusammen. Ist das Neue Geistliche Lied so etwas wie eine ökumenische Bewegung?
Peter Reulein: Von Anfang an gab es bei dieser Musik keine Konfessionsgrenzen. Unsere Lieder werden in allen Kirchen gesungen, und den Menschen ist es völlig egal, wer sie geschrieben hat. Musik verbindet auf einer tiefen und intensiven Ebene und erreicht unmittelbar das Herz. Vielleicht ist diese Musik die stärkste ökumenische Bewegung überhaupt.
Eugen Eckert, Jahrgang 1954, ist evangelischer Studentenpfarrer in Frankfurt/Main und Autor von über 300 neuen religiösen Liedern, die in Kinder-, Jugend- und Gemeindegottesdiensten sowie auf Kirchentagen teilweise hitartige Verbreitung gefunden haben. Einige seiner Lieder sind auch in die offiziellen Gesangsbücher eingegangen ("Bewahre uns Gott").

Peter Reulein, Jahrgang 1966, ist katholischer Kirchenmusiker an der Liebfrauenkirche in Frankfurt/Main und Geschäftsführer des Arbeitskreises Kirchenmusik und Jugendseelsorge im Bistum Limburg. Er hat zahlreiche Lieder komponiert, viele zu Texten von Eugen Eckert.

Das Interview ist entnommen dem Publik-Forum Nr.23 vom 1.Dezember 2000, S.64

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